In dieser Episode hörst du, warum Verletzlichkeit – so paradox es sich anhört – der Schlüssel für ein erfülltes und glücklicheres Leben sein kann.

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Transkript

Heute soll es um Verletzlichkeit gehen. Und das ist schlimm. Verletzlichkeit. Viele Menschen fühlen sich verletzt, ich werde ab und zu verletzt… Und darüber möchte ich euch ein bisschen was berichten. Begonnen damit habe ich ja bereits in der letzten Episode, der 21., in der ich euch berichtet habe, wie ich es am Ende geschafft habe, Gefühle zu teilen. Und durch dieses Teilen und dieses Verletzlichmachen habe ich etwas ganz tolles Miterleben dürfen.

Ich konnte mich nämlich mit anderen freuen. Und zwar von Herzen heraus. Und das war echt cool. Und das hat mich – ich sagte, es ist Verletzlichkeit – zu der Idee geführt, heute ein bisschen was über dieses… Was ist das denn eigentlich? Eine Eigenschaft? Ein Gefühl verletzlich zu sein? Und wozu das eigentlich wichtig sein soll und wie wichtig das für mich ist und warum man das nicht will. Verletztlich sein.

Klar. Weil man verletzt werden kann. Auf der einen Seite natürlich körperlich. Was aber viel, viel schlimmer ist: seelisch. Wenn man verletzt werden kann, dann ist das, was daraus folgt, wenn man verletzt wird, Schmerzen.

Schmerzen vermeiden – ein Grundbedürfnis

Schmerzen sind eine der wichtigsten Motivationen für Menschen, und zwar diese Schmerzen zu vermeiden. Eines der Grundbedürfnisse und auch der Grundausrichtungen von Menschen ist Schmerzen zu vermeiden. Und ich langweile euch jetzt auch nicht mit dem ganzen Kram, dass das am Ende dafür gesorgt hat, dass es dich, dass es mich, dass es unseren Genpool heute noch gibt, nämlich das Vermeiden von Schmerzen und umgebracht zu werden. Ich möchte viel lieber im nächsten Schritt kurz darauf eingehen, was es eigentlich für Menschen bedeutet, wenn man Schmerzen vermeiden möchte. Wenn man nicht verletzlich sein will.

Da gibt es die eine Art von Menschen, die dir vielleicht… ich nenne ihn mal den Chef. Der ist der harte, der hat eine Maske auf, spielt den Harten, als würde er über allem stehen und würde… Ja. Aus Granit. Ein Mann weint nicht. Und ein Indianer schon gar nicht. Und schon überhaupt gar nicht Leute mit einer Maske, die über allem stehen. Scheinbar oder tatsächlich? Das möchte ich mal dahingestellt sein lassen.

Beliebte Vermeidungsstrategien

Dann gibt es noch den mit so einer Art Vermeidungsstrategie. Er macht sich damit unverletzlich, indem er erst mal zu allem sagt: Ja. Er eckt nicht an. Er hat keine klare Kante und er vermeidet auch Situationen, in denen man klar eine Position beziehen muss, wo man anecken kann, wo man sich selber positionieren muss und in dieser Position Gegenwind, Schmerzen, Verletzlichkeit oder Angriffe riskiert. Und Angriffe sind ja wieder eines der Grunddinge, die es bedarf, um verletzt werden zu können.

Man vermeidet halt solche Situationen und damit auch die Folgen dieser Situationen. In allen Ausprägungen. Positiv und auch negativ. Da kommen wir gleich noch mal dazu.

Und dann gibt es auch denjenigen, der sich komplett abschottet. Eine Mauer um sich rumbaut und zwar nicht wie der Chef, der mit dieser Mauer und einem angeblichen, uneinnehmbaren Tum und jeder Menge Truppen, mit denen er in den Kampf zieht gegen die Verletzlichkeit. Nein, die andere Ausprägung ist noch schlimmer, noch schwieriger, weil man sich einigelt. Man wird zum Eigenbrötler, man zieht sich einfach zurück. Man schottet sich ab vor jeglicher Möglichkeit, Schmerzen zu erleiden.

Einfach scheitern

Oder du kannst es akzeptieren. Auch das ist eine Möglichkeit, mit der man sich auseinander setzen kann. Einfach scheitern, einfach verletzt werden, Schmerzen in diesem Bereich als eine Option zu akzeptieren. Denn wenn es diese eine Option gibt, in dieser negativen Ausprägung, dann muss es noch ganz, ganz viele andere, bis hin zum Gegenteil, zum absoluten Optimum an Optionen geben.

Wenn du das vermeidest, egal in welchem System, egal mit welchen Mitteln, dann vermeidest du natürlich auch die ganzen positiven Optionen. Weil du darauf wartest, dass diese positive Option von alleine passiert. Und das passiert leider wirklich ganz, ganz selten.

Was, das fragst du dich jetzt vielleicht, muss ich denn tun, um verletzlich zu sein und das dann auch auszuhalten? Am Ende ist es eine ganz einfache Sache: Du musst einfach wissen – und das auch nach außen kommunizieren –, dass du unperfekt bist. Dass es Sachen gibt, die dich verletzen. Wo du nicht gut bist, wo du Hilfe brauchst, wo du einfach nicht so gut bist wie jemand anderes, wo du angreifbar, verletzlich bist. Und dann denkst du vielleicht an deine Vergangenheit, wie alles war und wie viele richtig schmerzliche Situationen, wie viele schmerzliche Möglichkeiten es gab, dich so richtig zu treffen.

Wenn ich an mich zurückdenke, gab es eine Menge Möglichkeiten, wo ich getroffen worden bin. Und das tut echt scheiße weh. Und das muss ich auch nicht immer haben.

Mut zur Verletzlichkeit

Aber viele andere Sachen hätte ich nicht erlebt, wenn ich nicht verletzlich wäre. Vielleicht stellst du dir jetzt aber auch eine der folgenden Fragen: Woher nehmen solche Menschen eigentlich den Mut, sich so verletzlich zu zeigen? Und als zweites: Wie schafft man es, diese Verletzlichkeit als fundamentalen Bestandteil seines Lebens zu akzeptieren? Denn du kannst ja nicht mal eine Stunde so und eine Stunde so… Es ist entweder für immer so oder gar nicht. Ein Zwischending funktioniert da nicht wirklich.

Darauf hat Brené Brown, das ist eine Sozialwissenschaftlerin, die tausende von Menschen interviewt hat, eine Antwort gefunden. Sie hat diese tausenden von Menschen interviewt und strenggenommen ließen sich am Ende alle Menschen in zwei Gruppen einteilen. Einmal Menschen, die sich wertvoll und geliebt fühlten, die ein starkes Verbundenheitsgefühl zu anderen Menschen hatten, die ein erfülltes Leben geführt haben. Und auf der anderen Seite Menschen, die ständig um Liebe und Verbundenheit kämpfen mussten. Die sich immerzu gefragt haben, ob sie gut genug sind. Für was auch immer. Ob sie es wert sind, zu einer Gruppe zu gehören.

Und dann hat sie herausgefunden, dass der wichtigste Unterschied dieser beiden Gruppen nicht etwa Geld war oder Status, nicht einmal Gesundheit oder Schulbildung oder sowas. Nein! Versuche, Interviews, Beobachtungen – all das hat bestätigt, dass am Ende Verletzlichkeit der einzig relevante Unterschied war. Der einzig wahrnehmbare Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen.

Lass mich noch einmal zurück zu den beiden Fragen von eben kommen. Ich wiederhole: Woher nehmen Menschen diesen den Mut, sich so verletzlich und unperfekt zu zeigen? Und wie schafft man es, dass diese Verletzlichkeit zu einem Bestandteil wird?

Das Geheimnis der Unperfekten

Der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen ist, dass Menschen der ersten Gruppe von ihrem Wert als Person überzeugt sind. Und das ist auch schon alles. Das ist das riesengroße Geheimnis dahinter. Das ermöglicht dir, dich so verletzlich zu zeigen. Denn wenn du glaubst, dass du trotzdem wert bist, geliebt zu werden, ganz egal was du tust, ganz egal ob du perfekt bist oder unperfekt – und genau das bist du, genau wie ich –, dann weißt du, dass du trotzdem geliebt wirst. Dass du anerkannt und akzeptiert wirst, auch mit diesem Unperfekten. Und deshalb kannst du Verletzlichkeit auch als Bestandteil deines Lebens akzeptieren und mit diesen Schmerzen – die kommen werden – besser umgehen. Sie besser hinter dich bringen. Und um Verletzlichkeit überhaupt zulassen zu können, gehört scheinbar das Selbstwertgefühl, die Überzeugung “Ich bin gut genug!” dazu.

Mach dich verletzlich

Und dann sind wir auch schon im Grunde bei dem, was ich dir mitgeben möchte. Ich habe am Anfang gesagt, ich habe in der letzten Episode gesagt: Ich möchte, dass du dich verletzlich machst. Ich möchte, dass du weißt, dass du – ganz egal was passiert – immer gut genug sein wirst. Und wenn du gut genug bist, und wenn du dich verletzlich machst, dann wirst du auch sehen können, dass diese Verletzlichkeit vieleicht einer der… ich wiederhole das noch einmal mit sehr vielleicht Betonung: DER Schlüssel für ein erfülltes Leben ist. Denn – und jetzt kommen wir noch einmal zurück zu den Optionen oder zu den Beispielen, wovon ich eigentlich rede. Stell dir vor, du traust dich nicht, weil du Angst hast verletzt zu werden, einem geliebten Menschen zu sagen: Ich liebe dich, lass uns das Leben gemeinsam verbringen.

Du wirst älter und du merkst irgendwann, dass du es nicht mehr schaffst, die Treppe hochzugehen, und du schaust dich um und zu deinem Sohn und machst dich verletzlich, weil du sagst: Kannst du mir mal kurz die Hand geben, ich schaffe das nicht mehr.

Oder du hörst auf dich zu bewerben, weil du Angst davor hast, eine Absage zu bekommen, telefonisch oder per Brief. All das tust du, um nicht verletzlich zu sein. Das heißt, du hörst auf dich zu bewerben. Weil – wir sind bei der Vermeidungsstrategie –, wenn du dich nicht bewirbst, kannst du auch keine Absage kriegen.

Und so zieht sich das dann irgendwann durch das gesamte Leben.

Zeit, richtig zu leben

Und wenn man das transportiert, könnte es sogar sein, dass Verletzlichkeit am Ende sogar irgendwie das Leben ist. Weil man nur durch dieses Trauen, durch diesen Mut, das Risiko einzugehen, verletzt zu werden, auch Dinge fragen kann, um Hilfe bitten kann, mit Beziehungen leben kann, wenn man sich verletzlich zeigt und ich wünsche dir das, dass du das ein bisschen mitnimmst, dass du dich verletzlich machst, damit genau du zu der ersteren Gruppe gehören wirst, nämlich zu der, die ein erfülltes Leben hat.

Das verdienst du, denn du wirst am Ende immer gut genug sein. Und du hast auch immer die Wahl, genau das zu machen und genau das zu denken und genauso zu handeln. Nimm also die Verletzlichkeit als Schlüssel für dein Leben mit, mach dich ab und zu verletzlich und mach dir keine Sorgen darum, was hinterher passieren wird.